Samstag am Grünen Hügel: Die besten Meisersinger aller Zeiten!

Am Samstag gibt es die Premiere von Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg". Weitere Vorbereitungen oder noch tiefgreifendere Informationen gefällig? Wir liefern diese schon hier und heute...

Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Barry Kosky erklärt in dem folgenden Video sehr gut, warum seine Meistersinger-Inszenierung, die am Smatsag bei den Bayreuther Festspielen im zweiten Jahr Premiere feiert, für mich eine der mir bekannten besten aller Zeiten ist:

Hier vereinen sich gereifte Ideen mit Tiefgang, intellektueller Dichte, Spiel, Spaß, Spannung und Freude mit einem klaren Bekenntnis zu Kunst und Kultur als abstraktes Gemeingut, das von nichts und niemandem adaptiert, missbraucht oder ausgenutzt werden darf, sondern für sich allein steht und daraus Daseins- und Existenzberechtigung genug zieht.


Doch wie macht er das? Kosky bedient sich dessen, was da ist. Er greift auf das zurück, was von Wagner aus um die Meistersinger zu seiner Zeit alles in seinem Kopf, in seinen Briefen, in seinem Liebesleben und auch in seinem vermeintlichen Antisemitismus vorhanden ist und wie auch immer in unsere Zeit übermittelt wurde und stellt genau das auf der Bühne da - ohne viel Überzeichnung, weitere unnötige Deutungen oder gar ein ständiges Abarbeiten am Nationalsozialismus etc... So ist der erste Akt in Wahnfried angesiedelt und zeigt im Grunde die Geburt der Oper aus dem Geiste Wagners heraus. Die Figuren krabbeln aus dem Klavier, sie werden nicht nur vor seinem geistigen, sondern auch vor seinem leiblichen Auge lebendig.


Am Ende des ersten und dann im ganzen zweiten Akt dringen wir etwas weiter vor in die an Wagners Lebzeiten recht unmittelbar anknüpfende Rezeptionsgeschichte des Werkes: Wir befinden uns im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse. Nun doch also die Nazi-Nummer? Wann endlich kommt denn nun der Prozess? Was wird denn eigentlich ausgefochten? Der Zuschauer wird mit nur einem Bühnenbild wahrlich an den Rand des Erträglichen hinsichtlich der eigenen Erwartungen gedrängt. Das Ende vom Lied bzw. des zweiten Aktes? Eine völlig überzeichnete Über-Judenfigur als Abbild des Beckmessers, der ja auch schon zu Wagners Lebzeiten als eine Karikatur auf das Judentum begriffen wurde? Sicher ist sich da im Grunde niemand. Aber ein Jude am Grünen Hügel darf auch diese Form der stets herauf geschworenen Deutung endlich nun einmal überdimensionierte Wirklichkeit werden lassen.


Mit welchem Ziel? Kommen denn nun nach der langen Sachsstube des dritten Aktes endlich die Alliierten in Uniform und der lang erwartete Prozess im dafür ja wohl erschaffenen Raum? Der Vorhang schließt sich vor der Festwiese, jetzt werden sie sich wohl alle dahinter positionieren. Der Vorhang geht wieder auf und - nichts! Keine Alliierten, sondern ein lustig buntes, völlig überdrehtes Mittelalter-Völkchen nimmt den Saal - und somit unsere vorgefertigten Denkstrukturen - ein und zeigt uns eines: Hier geht es um die Geschichte an sich. Hier geht es um die Feierlichkeiten der Zünfte, hier gibt es eine Festwiese - ob uns das nun passt oder nicht! Und am Ende dann erscheint das für die Kunstgattung Oper als sich selbst genug seiende Kunstform eintretende Sinnbild der Musik in Form eines Orchester, das von Sachs gleich Wagner dirigiert wird. Hier gilt's der Kunst - und nicht der politisierten Ausdeutung eines Werkes, das schon viel zu sehr unter eben dieser gelitten hat.


Was für ein grandioses Statement an einem so bedeutungsschwangeren Ort. Und welch eine wunderbare Spielweise mit unseren vorgefertigten Ideen, Meinungen, Haltungen und Vorurteilen, die sicher an vielen Orten und in vielen Inszenierungen Platz finden, aber sicher nicht in dieser! Bravo, Barry!


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