Zwischen Wahn und Glitzer...

Berlin - Komische Oper Berlin - Premiere "Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold


Wenn am Ende einer Inszenierung Personen in weißen Kitteln auftauchen, spätestens dann weiß man, dass man es bei den zuvor erlebten fast 3 Stunden Oper mit einer fieberhaften Traumvision eines psychisch eher labil zu nennenden Protagonisten zu tun hat. Die etwas wirre Geschichte um einen Trauernden, der über den Schmerz des Verlustes seiner wie auch immer zu Tode gekommenen Geliebten erst durch den (vermeintlichen?) Mord an einem noch lebenden, komplett lüsternen und somit als konträre Gestalt zum Urbild in Erscheinung tretenden Ebenbild hinweg kommt - oder auch nicht - ist ein Oper gewordenes Pitkogramm der Freud'schen Traumdeutung und Psychoanalyse, den die britische Lady hinter mir mit dem einfachen Satz: "That's a very strange opera!" und das Publikum in der gestrigen Premiere an der Komischen Oper Berlin mit eher zurückhaltendem als begeistertem Applaus quittiert.


Die Regie von Robert Carsen zeigt zu wenig von den wirklichen Emotionen der Handelnden, von den Ängsten, den Qualen, den faustischen Verführungsversuchen der Marietta - so der Name des noch lebenden Ebenbildes der toten Geliebten. Sie bleibt leider irgendwann in den für die Komische Oper so typisch gewordenen überbordenden Unterhaltungs-Elementen hängen: Da glitzert und schwuppt es wunderbar im Männerballett, laufen Madonnen wie Serienwaren vom Band und darf das Theater auf dem Theater natürlich nicht fehlen. Wenn dann am Ende der Zuschauer von den Weißkitteln auf den nahezu banalen Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, dann will er das eigentlich gar nicht. Er will sich Gedanken machen zu dem zuvor erlebten, er will zweifeln, grübeln, an Wunder glauben.


Doch für Wunder gibt es nun keinen Platz mehr. Bam! Welcome to the hell of reality! Warum braucht es für diese Erdung aber bitte 3 Stunden aus dem Graben leider durchweg sängerfeindlich laut musizierten, weitestgehend schön gesungenen Opern-Traum? Man weiß es nicht. Der Kniefall von Berlin beim Schlussapplaus von Neu-GMD Ainārs Rubiķis an der Bühnenkante als Ausdruck der eigenen Hochachtung vor der zuvor erbrachten Leistung des Orchesters bekommt in diesem ganzen Zusammenhang eine irgendwie auch ganz sympatisch-verstörende dramatische Bedeutung. Es wäre überaus interessant, was Freud dazu zu sagen hätte...


Nachschauen kann man die Oper übrigens im Live-Stream HIER:


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